Inhalte und Features sind immer nur Teil einer Community-Gesamtstrategie – Interview mit Thomas H. Kaspar

Hier kommt nun ein weiteres Referenteninterview – diesmal aus dem Themenfeld „Community Management“ mit Thomas H. Kaspar, Chefredakteur bei Chip XONIO Online, verantwortlich für die dortige Community Download.Chip.eu und Autor eines kürzlich erschienenden Buches mit dem Titel „Web 2.0 – Geld verdienen mit Communities“. Er spricht über die Cargo Cult Community, die Wichtigkeit für die Einbeziehung der Nutzer bei der Weiterentwicklung und die fundamentale Frage der Community-Zukunft.

Thomas H. Kaspar1) Thomas, Du bist ein alter Community-Veteran und nimmst beim kommenden Community SUMMIT an der Session zu den Erfolgskonzepten von Communitys teil. Was sind für Dich die wichtigsten drei „Zutaten“ einer Community?

Thomas H. Kaspar: Die drei wichtigsten Zutaten meiner Meinung nach: 1. Die richtigen Menschen (Authentizität). Sowohl auf Portalseite müssen glaubwürdige Menschen ihre Inhalte leben. Dann ziehen sie Experten und Einwohner an, die alle begeistern. 2. Eine klare, transparente Strategie (Einzigartigkeit): Warum soll ich überhaupt in die Community kommen? Was ist mein Nutzen? Wie kann ich mich einbringen? Wann habe ich mit meinen Ziel Erfolg? Wenn das nicht einzigartig und in einem Satz allen Beteiligten, also wirklich allen klar ist, dann wird das nichts. 3. Empathie (Mitgefühl): Eine Community verändert sich immer und ständig. Wer nicht immer zuhört, Kanäle für Äußerungen der User aufbaut, ständig bereit ist, sich zu ändern – der verpasst den Punkt an dem eine Community kippt. So wird aus der tollen Idee eine tote Idee, der Lebenszyklus erneuert sich nicht, und am Ende sind alle lieber woanders, früher war alles besser und keiner weiß so richtig, warum.

2) Was ist mit Inhalten bzw. einem bestimmten Feature-Set? Sind die nicht auch wichtig? Insbesondere im Hinblick die von Dir bereits genannte Nutzenorientierung?

Thomas H. Kaspar: Inhalte und Features sind immer nur Teil einer Gesamtstrategie. Viele fangen mit Community-Features an, und haben keine Strategie. Bei CHIP heißt die oberste Linie „Optimale Orientierung in der digitalen Welt“ und alle Inhalte dienem diesem wie auch jede Funktion. Erst in der Folge überlege ich mir, welche Inhalte ich erstellen will, welchen Nutzen User haben, wenn sie bei der Erstellung mithelfen, welche Funktionen sie dazu brauchen.

Den Weg andersherum nenne ich Cargo Cult Communities. Cargo Cult war ein Stamm von Insulanern, der im 2. WK beobachtet hat, wie Soldaten Landeplätze für Luftunterstützung bauten, dann kamen Flieger und schmissen Kisten (Cargo) ab. Als der Krieg vorbei war, bauten sie sich Landebahnen aus Bambus, zündeten Leuchfeuer an, setzten sich Kokusnusschalen als Kopfhörer auf und hofften auf Cargo. Es kam natürlich nichts. So bauen manche Funktionen und hoffen auf Cargo-Inhalte, verstehen aber das Umfeld nicht und haben keine Strategie.

3) Dein Verweis auf den Lebenszyklus zeigt es ja – eine Community ist ein dynamisches Konstrukt. Du sagst man muss zuhören können – reicht das aus, um immer am Ball und den Wünschen der Community-Mitglieder zu bleiben? Oder sollte man nicht sogar Community-Mitglieder intensiv in die Weiterentwicklung miteinbeziehen?

Thomas H. Kaspar: Für mich ist die Einbeziehung fundamental und Voraussetzung. Mach User zu Mitentwicklern ist einer der Kernsätze der Open Source Community, den ich in Strukturen umsetze. Beta-Test-Gruppe, Feedback-Foren usf sind heute ein Must have-Standard. Daneben sollte man sich spezifische Beteiligungen überlegen, wie man die relevanten User an der Weiterentwicklung im Sinne der Strategie (siehe 2) einbindet. Wir haben etwa eine eigene Google Adsense Watch Gruppe, da wir viel Geld über Google cpc verdienen, aber dort auch viel Müll angezeigt wird. Also verbessert die Community dies laufend.

Anmerkung: Viele Community Manager haben kein klares Userkonzept und vermischen aber Experten und Einwohner. Experten wollen sich aber zum Inhalt austauschen und nicht das Portal entwickeln – wenn die falschen User angesprochen werden, geht Beteiligung auch schnell in die Hose.

4) Wie verläuft Deiner Meinung nach ein optimaler Einführungsprozess für eine Community?

Thomas H. Kaspar: Dazu habe ich ein Kapitel in meinem Buch geschrieben. Hier mal ein kurzer Abriss zu den für mich wichtigen Schritten: Bau kein Portal FÜR eine Community, sondern mit einer Community. Beziehe die User in die Planung mit ein, bilde eine geschlossene Alphatester-Gruppe, kommuniziere jede Veränderung, die auf die Community zurückgeht. Lass die Community in der Closed Beta die User einladen, die nach Ihrer Meinung am besten passen. Lade alle Multiplikatoren zum Start der Open Beta ein und bitte sie, so viele wie mögliche passende User einzuladen. Starte nicht mit allen Features, sondern einem theoretischen Rollout-Plan und der Bereitschaft, alles wegzuwerfen und Neues zu entwickeln.

5) Last but not least – welche Bedeutung hat für Dich das Thema „Offenheit“ der Community – Stichwort Google OpenSocial oder Facebook Connect. Hierüber entsteht ja beizeiten ein Netzwerk der Netzwerke, dem sich niemand mehr verschliessen sollte, oder?

Thomas H. Kaspar: Das Thema User-ID ist eines der fundamentalen Fragen der nahen Zukunft. Prinzipiell gilt: Je geringer die Hürden für die Registrierung sind, desto besser. Je kleiner und spezieller eine Community ist, desto wichtiger ist diese Frage und die Beteiligungs-Chance aus anderen Communitys heraus. Wer das Rennen um die führende ID gewinnt, der hat eine der großen Schlachten des Web gewonnen.

Vielen Dank für die Antworten.