Medien im Wandel – nun heißt es, den Wandel zu gestalten!

Seit Wochen schiebe ich die Fertigstellung einer Pressemitteilung zu unserem bevorstehendem Social Media FORUM in Hamburg vor mir her und irgendwie kommt immer wieder etwas dazwischen. Dabei hat unser PR-Praktikant Jan (er schreibt hier und twittert hier darüber, was er bei uns so lernt und macht – um nicht eine männliche Tanja-Anja zu werden!) ja schon einen ganz inhaltsreichen Text vorbereitet, denn wir haben uns schon eine ganze Weile von reinen Tanja-Anja-Veranstaltungsankündigungen verabschiedet. Aber vielleicht ist es auch ein Zeichen der Zeit, dass ich nicht mit der Fertigstellung zurande kommen – schliesslich geht es ja um „Social Media“ und da müssen ja Konversationen geschaffen werden und nicht Inhalte distribuiert werden. Daher will ich hier kurz versuchen eine Diskussion zu starten.

Die Medien stehen nicht vor sondern im Wandel – und warum? Nun – weil das Internet zu einem Massen-Nachrichtenkanal geworden ist, an dem jeder teilhaben kann und Sender sowie Empfänger zugleich sein kann. Beispiel „Hurricane IKE“ – die ersten Nachrichten und Bilder kommen über „Statusmeldungsdienste“ (aka Microblogging) wie Twitter et al. Beispiel „Diskussion um Nebenverdienst eines Fernsehmoderators“ – die Diskussion wird über soziale Netzwerke und Weblogs angezettelt. Auch wenn es immer noch Studie wie z.B. die Studie „Medienfunktionen – Medienbegabungen“ von Allensbacher Institut gibt, die die Web-Nutzung statistisch als Randphänomen abstempelt, reicht schon die kleine Gruppe der Innovatoren und „frühen Adaptoren“, um den Prozess der Nachrichtenerfassung und -verteilung umzuwerfen. Und nun will auch noch Google das Heiligtum der Verlage, das „intellectual Asset/Property“ – nämlich die Archive – digitalisieren und für jedermann durchsuchbar machen. Das ist sicherlich etwas, was nicht von heute auf morgen passiert, aber einmal angefangen nicht mehr zu stoppen ist. Denn die Web-Nutzung wird nicht weniger und der Druck der Nachfrage nicht geringer. Wenn die Medien sich also diesem Umfeld nicht öffnen und die Teilnahmebereitschaft der – auch wenn nur wenigen – Nutzer im „Nachrichtenerstellungs- und verbreitungsprozess“ nicht akzeptieren oder gar ignorieren, werden sich diese andere Kanäle – sprich Social Networks oder partizipative Diskussionsplattformen – suchen, um sich dort auszuleben. Verankert im Besitzstandsdenken verschiedener Medienverantwortliche oder Redaktionsmitglieder kann man natürlich sagen, dass diese Nachrichten keine „Relevanz“ oder „Bedeutung“ haben und nur die „Klowänder“ extrovertierter Selbstdarsteller sind – aber spätestens bei der nächsten Nachrichtenereignis, wo es auf die Aktualität in der Berichterstattung ankommt, wird man eines besseren belehrt.

Nun gut – der Wandel ist also da und die Medien dürfen sich dem nicht verschließen – aber was tun? Der Wandel muss gestaltet werden – bestehende Redaktionsprozesse und technologische Lösungen müssen überdacht und an den veränderten Nachrichtenstrom angepasst werden. Nachrichten können nun in zwei Richtungen fließen: von der Redaktion zum Leser und vom publizierenden Leser zur Redaktion – letzteres kann Feedback auf bestehende Nachrichten oder aber eine neue Nachricht beinhalten. Konzeptionell und technologisch müssen Medien – speziell im Online-Bereich – dem Teil ihrer Leserschaft, der im Nachrichtenprozess mitwirken und sich äußern will, die Möglichkeiten für das Ausleben dieser Partizipationsbereitschaft geben – wenn sie es nicht tun, dann siehe oben! Dies kann in unterschiedlichen Formen passieren: nur auf der Ebene von bereitgestellten Feedback-Kanälen z.B. durch Kommentarfunktionen zu Artikeln oder Weblog-Beiträgen, durch Dokumentations- und inhaltlichen Kategorisierungsmöglichkeiten wie Tagging, Bookmarking oder gar Themen-Wikis, durch Diskussions- und Vernetzungsmöglichkeiten im Rahmen von Communities und Social Networks.

Konzeptionell und technologisch ist dies ja nun auch keine neue Erkenntnis – aber was bedeutet das für den Redaktionsprozess und die Aufgabengestaltung im Nachrichtenerstellungs- und verbreitungsprozess. Im klassischen Modell recherchiert und erstellt der Journalist bzw. Redakteur eine Nachricht bzw. einen Beitrag, durchläuft den Korrekturprozess und hat dann seine Aufgabe abgeschlossen, wenn die Nachricht oder der Beitrag in den Publikationsprozess übergeht. Im Wandel zu partizipativen (im Englischen auch „conversational„) Medien bedarf es nun aber einer redaktionellen „Nachbetreuung“ – sprich die Nachricht bzw. der Beitrag wird ja im besten Fall von den partizipativ-orientierten Lesern diskutiert und hier muss nun der Journalist bzw. Redakteur mitdiskutieren. Darüber gewinnt er evt. neuen Input für neue Beiträge, für die dann der Redaktionsprozess sich wiederum öffnen muss und die „weiter-entwickelten“ Inhalte als neue Inhalte wieder aufzunehmen. Noch komplizierter wird es, wenn der Leser selbst als „Beitragender“ involviert werden soll und dazu noch journalistische bzw. redaktionelle Qualitätsrichtlinien einzuhalten sind. Hier werden nun Redakteure zu Moderatoren – sprich übernehmen die Rolle des klassischen CvDs – und müssen evt. zusammen mit dem Leser eine Kompromiss über den Gegenstand und die Darbietung der Information erwirken – und das auch mit Lesern, die evt. nicht unbedingt hochentwickelte journalistische Fähigkeiten besitzen, aber dennoch Ernst zu nehmen sind, da sie relevante Geschichten zu erzählen haben.

Wie sind nun die Prozesse und auch das Organisationsverständnis hinter diesen Ansätzen zu gestalten und wie sind Technologien zu konzipieren, die diesen Prozess optimal und effizient unterstützen? Das sind die derzeitigen Gestaltungsfragen für Medienunternehmen auf dem Weg in die „Social Media“-Landschaft, die wir im Detail auf dem Social Media FORUM am 29.09. diskutieren wollen. Als Vorabgeschmack gibt es heute schon mal ein Social Web BREAKFAST mit Gerhard Bruckmann zum Thema „Verlag 2.0 im Alltag“. Ich freue mich auf beide Veranstaltungen (zu verfolgen auch via Twitter unter @socialbreakfast und @socmediaforum).

Wer also noch kurzfristig beim Social Media FORUM teilnehmen möchte, für den habe ich hier ein unschlagbares Angebot: Ich suche noch einen „Babysitter“ für meine englische Keynote, Meg Pickard vom Guardian; sie soll über den Tag etwas betreut werden und muss die Kerninhalte der überwiegend deutschen Diskussion übersetzt bekommen – und dafür suche ich noch jmd., der diese Aufgabe übernimmt. Für den Ersten, der mir plausibel in einem Kommentar erklärt, welche Bedeutung für ihn das Thema hat und „bedürftig“ genug ist, dass er sich auch eine rabattierte Teilnahme von 15% auf den gültigen Konferenzbeitrag mit dem Code „SMF-SWWNOTIZBLOG“ nicht leisten kann (also das war noch eine Promotion!), der wird von mir eingeladen!

PS: Dieses Post wurde von mir im Zug von Nürnberg nach München geschrieben – leider habe ich hier keine ausreichende Online-Verbindung, dass ich alle Links/Querverweise im Text sofort setzen kann – das wird nachgeholt – denn jetzt muss ich erstmal beim Social Web Breakfast twittern!