Wann ist ein Corporate Blog relevant oder nicht?

Das ist die Frage, die derzeit durch Teile der deutschen Blogosphäre kursiert – Ralf Schwartz von der mediaclinique hatte in einem Artikel die Relevanz des Daimler-Blogs in Frage gestellt und ist damit auf geschlossene Front der Befürworter der Daimler-Initiative gestossen.
Hier mal ein kurzer Überblick über die Diskussion:

Nimmt man mal die Emotionalität und Aufmerksamkeitsbestrebungen einzelner Diskutanten aus der Diskussion heraus, so lassen sich in einer sachlichen Betrachtung beider Seiten doch wichtige Punkte herausfiltern. Ich denke, dass die „ungefilterte“ Berichterstattung von Mitarbeitern eines Unternehmens wie hier beim Daimler-Blogs, beim Frosta-Blog oder beim Frosch-Blog durchaus Sinn machen – auch wenn die Nachricht eines Management-Mitgliedes für manchen noch interessanter (ergo relevanter) erscheinen mag. So stellt sich aber die Frage, was der Manager so wirklich Interessantes zu berichten hat? Im Hinblick auf die rechtlichen Rahmenbedingungen wie das Aktiengesetz und sonstiges Umfeldbedingungen kann bzw. darf er gar nicht über alles sprechen, womit er sich beschäftigt. Weiter werden die strategischen Handlungsoptionen, mit denen er sich beschäftigt, nicht unbedingt für jedermann greifbar bzw. ohne große Erklärungen fassbar sein. Damit kommt man dann zum Zeitproblem, welches der Manager ja per se schon hat und nun noch eine strategische Entscheidung so erklären soll, dass sie von dem Nicht-Insider verstanden wird. Letztendlich wird das dazuführen, dass die Beiträge im wesentlichen durch die Kommunikationsabteilung bzw. mindestens durch einen Vorstandsassistenten vorbereitet und aufbereitet werden. Und ich könnte darauf wetten, dass dies auch der Fall bei US-amerikanischen Manager-Blogs ist!
Da können Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen, wie es bei Daimler, FROSTA und Mertz & Werner der Fall ist, doch viel interessantere Informationen preisgeben. Und – ergänzend richtet sich das Corporate Blog ja nicht nur an die externen Stakeholder, sondern in der Regel auch vor allem an die eigenen Mitarbeiter. Und für die kann eine Information durch Kollegen aus anderen Abteilungen ebenfalls einen besseren Effekt erzeugen – als wenn der Chef von oben herab zu ihnen spricht – denn es wird ein Wir-Gefühl und ein Community-Verständnis erzeugt, was das Management in dieser Form nicht erreichen kann.
Daher würde ich durchaus damit schließen, dass die Form und der derzeitige Status-Quo des Daimler-Blog durchaus einen nutzstiftenden Ansatz verfolgt. Allerdings finde ich die Reaktionen auf die Kritik wiederum in Teilen überzogen bzw. zu emotional beladen. Es charakterisiert einmal mehr die Form wie in der deutschen Blogosphere über das Veränderungspotential hinter Web 2.0 und die ersten Gehversuche von Unternehmen bzw. Organisationen diskutiert wird: „Treib mir das Schwein durch’s Dorf“ – egal ob nun mit dem Ziel des Aufmerksamkeitserhaschens, der Rechtfertigung des eigenen oder fremden Handelns oder der klassisch deutschen Auseinandersetzung mit dem Neuem.


  • uknaus

    Sehr gut zusammengefasst, Kompliment. Vor allem der Part mit dem Vorstand/Management. Welcher Vorstand eines DAX-Unternehmens hat wirklich die Zeit zum Bloggen oder gar die Zeit auf Kommentare zu reagieren?
    Wenn ich mal unterstelle, dass die meisten Reden von Redenschreibern geschrieben werden, wird sich das mit dem Bloggen nicht viel anders gestalten. Viel Authentizität wird da nicht drin sein. Vom Informationsgehalt im Rahmen Aktienrecht oder Ad hoc-Mitteilungspflicht mal ganz abgesehen.
    Bill Marriott oder Bob Lutz sind hier möglicherweise Ausnahmeerscheinungen. Allerdings nicht in Deutschland.